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Amerikanische Gefühle - DuMont 2011

Die Trauben des Glücks

 
Am Ende des Jahres fährt man nicht einfach so weg, sagte ich. Am Ende des Jahres fährt man weg, um etwas anzufangen oder zu beenden. Du lachtest mir ins Gesicht, bis dir die Luft ausging (du sahst mich an, wie man eine angefahrene Katze ansieht). Und?, fragtest du. Was ist mit uns? Du schobst deinen Schwanz zurück in die Unterhose. Ich weiß nicht, sagte ich. Ich glaube, wir sind weggefahren, um herauszufinden, ob wir noch zu retten sind.
 
Im Dezember war Spanien ein komisches Land, aber davon hatten wir nichts gewusst (am Anfang), als wir gelandet waren in Málaga, dieser Stadt, die aussah wie ein pockennarbiges Gesicht. Selbst wenn es hier Ecken von großer Schönheit geben sollte, hatten sie keine Chance, der erste Eindruck der Hässlichkeit ließ sich unmöglich wieder vergessen. In unseren Knochen echote noch der Flug, als wir vor dem Gepäckband standen und darauf warteten, dass es anlief. Unsere Schalenkoffer sahen verdächtig aus (zu neu, zu unversehrt neben den anderen). Wir griffen nach ihnen und zerrten sie von den schwarzen Gummiplatten. Dann standen wir einfach nur da, obwohl es keinen Grund zur Unentschlossenheit gab: Wir wussten, was zu tun war. Vielleicht war es eine heftige Müdigkeit, die für Sekunden über uns kam, vielleicht auch nur dieses grundlose Zögern, das uns in letzter Zeit immer öfter befiel, wie Tiere, die plötzlich in einer Bewegung innehalten, weil sie glauben, etwas zu wittern, um nach einem Moment der Irritation ihre begonnene Tätigkeit wieder aufzunehmen (beharrlich, zügig, als wäre nichts geschehen).
 
Du bleibst hier sitzen, sagtest du und verschwandest kurz, um mir höchstens eine Minute später einen Becher dampfenden Kaffee in die Hand zu drücken (wie man einem Kind einen Luftballon oder ein Spielzeug in die Hand drückt, mit dem es sich beschäftigen soll). Ich trank artig, als würde ich beobachtet, und legte meine Hände auf unsere Koffer (als könnte das irgendjemanden davon abhalten, sie zu stehlen). Gerade griff mir ein Bündel Licht ins Gesicht wie eine Hand, und eine Inderin mit nackten Füßen, an denen sich die Haut schälte, ging an mir vorbei, als du dich über mich beugtest. Du warst nur ein schneller Schatten, den ich am Geruch erkannte, und ich dachte, du wolltest mich küssen, also schloss ich die Augen und lehnte mich dir entgegen. Als ich sie wieder öffnete, hattest du beide Koffer in der Hand und zeigtest mit dem Kopf vage in eine Richtung. Zwischen deinen Zähnen ein Schlüssel, auf dem der Name eines Autoverleihs stand, und die Parkhausebene.
 
Zwanzig Minuten später saßen wir in einem dunkelblauen Ford Focus und durchsuchten das Handschuhfach nach einer Bedienungsanleitung für das Autoradio. Auf dem LCD-Display leuchtete die Aufforderung ENTER CODE, aber wir kannten den Code nicht, wir wussten noch nicht mal, wie viele Ziffern er haben sollte. Ich sagte: Ein Urlaub ohne Musik, das geht nicht. Irgendwo quietschten Reifen. Von der Rampe fiel Licht auf unsere Etage (kurz leuchteten die Wagen auf wie etwas Wertvolles). Wir versuchten es mit 0000, dann mit dem Autokennzeichen. Wir haben nur noch eine Chance, sagte ich. Eins sieben null vier, sagtest du. Was soll das sein? Der Tag, den dem wir uns kennen gelernt haben. LOCKED, stand auf dem Display. Einen Versuch war es wert, sagtest du.
Als ich daraufhin in Tränen ausbrach, die Tür aufstieß, mich aus dem Wagen kämpfte und losrannte, riefst du mir nicht hinterher. Du fuhrst los und folgtest dem blinkenden Pfeil. Als du mich am Ausgang der Garage auf dem Eckstein kauern sahst (wie etwas Weggeworfenes), drücktest du die Beifahrertür auf, und ich stieg ein, so wie ich immer wieder eingestiegen war.
 
Vielleicht gewöhnte ich mich daran (an die Stille im Wagen und alles). Ich beobachtete die Hunde, die in kleinen Rudeln oder Paaren plötzlich am Straßenrand auftauchten. Sie waren hässlich. Ihnen fehlte ein Bein oder der Schwanz, sie hatten verklebtes oder zerrupftes Fell, Fleischwunden und eitrige Augen. (Sie sahen uns nach.)
 
Die erste Nacht verbrachten wir in Nerja, einem kleinen Fischerdorf mit gekalkten Häusern. Die Sonne war schon untergegangen, als wir ankamen. Aber alles war weiß in Nerja, darum war auch die Nacht hier heller. Es war der Tag vor Heiligabend, und auf dem Platz vor dem Hotel, der auf einer Seite von der Dorfkirche begrenzt wurde und auf der anderen in den Balcón de Europa überging, waren alle Bänke besetzt. Unter den Orangenbäumen standen braungebrannte Jungen und rauchten. Auf den Rattanstühlen vor der Hotelbar saßen alte Männer und spuckten Olivenkerne in den Aschenbecher. Unter den Tischen lagen Katzen und leckten sich das filzige Fell. Neben den Tischen stand ein Automat und quiekte: Feed me, I'll give you delicious popcorn. Vielleicht wäre das der Moment gewesen, dich zu fragen. Was machen wir hier, um Gottes Willen? Was soll das Ganze? Was haben wir vor? Du hättest auf alle drei Fragen doppelt geantwortet (mit einem Schulterzucken und einem Lächeln).
 
Wir fuhren mit dem Aufzug in unser Hotelzimmer, das eher ein Apartment war. Das französische Fenster ging auf den Markt hinaus, es war nur angelehnt. Der Wind hatte die Gardinen aufs Bett gehoben. Ich strich über den gebügelten Kopfkissenbezug und wunderte mich kurz über den Klang der Stimmen, die von unten heraufstiegen (die fremdartigen Stimmlagen, die rätselhafte Intonation, das Garstige, Ungehobelte der Sprache). Ich lief durch den Raum, berührte ein paar Dinge, stellte sie an einen anderen Fleck. Ich zog die Schubladen des Küchenschrankes auf, und als ich meine Hände auf die Kochfelder legte, sagtest du: Kommt gar nicht in Frage. Wir gehen essen.
 
Im Restaurante El Gato Negro gingen wir verloren zwischen den giftgrünen Tannenbäumen, den Girlanden, dem Lametta, den Lichterketten, Porzellan-Weihnachtsmännern und Deko-Servietten. Wir bestellten Gazpacho und ein paar Tapas (weil man das so machte), halbherzig redeten wir ein bisschen (weil wir dafür hier waren). Dafür sind wir doch hier, antwortete ich, als du fragtest: Was redest du denn da? Warum fängst du jetzt damit an? Auf dem Rückweg musste man uns ansehen, wie lange wir schon nicht mehr Arm in Arm nebeneinander her gelaufen waren: Unsere Becken stießen gegeneinander, deine Hand fand ihren Platz nicht mehr auf meiner Hüfte.
 
Wusstest du, wie die hier Weihnachten feiern?, fragtest du (ich wusste es nicht). Wir hatten blind und taub geschlafen und den ganzen nächsten Tag das Hotel nicht verlassen, es war ein Test gewesen (ob wir uns noch aushielten, ob wir unsere Nacktheit noch ertrugen). Wir hatten Sandwiches bestellt, uns mit Sherry betrunken und geschwitzt, mit unseren nassen Rücken waren wir an den Gardinen entlang gestrichen (wir hatten so lange nebeneinander auf dem Bett gelegen, bis die Stimmen unter dem halbgeöffneten Fenster zu Musik wurden und es und vorkam als wäre es etwas Gewöhnliches, Beiläufiges, miteinander zu schlafen). So war es ohne unser Zutun Abend geworden, und plötzlich warf sich dieser Lärm gegen die Scheiben. Wir zogen die Gardinen zur Seite und erschraken. Ein leuchtendes Rentier wurde auf einem Wagen durch die dichte Menge geschoben, die Menschen rissen die Arme hoch und jubelten, wie bei einem Faschingsumzug. Mitten auf der Plaza, eingesperrt in einen Zaun wie ein Ziergewächs, saß auf einem der Rattanstühle der Hotelbar ein Weihnachtsmann, der Kinder anlockte, um ihnen Zuckerstangen durchs Zaungitter zu schieben. Alles, woran ich denken konnte, war, dass er sicherlich schwitzen musste (der Mann in seinem Kostüm).
 
Später packten wir das Geschenk aus, das deine Eltern uns noch in die Hand gedrückt hatten (das beinahe keinen Platz mehr gefunden hatte in unserem Gepäck). Es war eine Danish-Cookies-Dose, mit weihnachtlichem Geschenkpapier beklebt. Ich öffnete sie vorsichtig, als erwartete ich eine Explosion (einen Clown, der mir ins Gesicht springt). Da waren Wunderkerzen und Tannenzweige, jeweils zwei, in eine Serviette gewickelte selbstgebackene Kekse, Räucherkerzen und ein Holzengel, der unterwegs seinen Kopf verloren hatte (die Flügel waren beide noch dran). Du standest auf, zündetest dir eine Zigarette an und sagtest: Typisch. Aber als ich weinte, weintest du auch (und warum weintest du?).
 
Die folgenden Tage und Nächte verbrachten wir in verschiedenen Hotels, auf großen Steinen am Straßenrand und in unserem dunkelblauen Ford Fokus. Du hattest uns jede Nacht woanders einquartiert, du liebtest die Abwechslung und die Gefahr, dass jederzeit etwas schiefgehen konnte (aber es ging nichts schief).
Das Land war leer, bis auf diese Hunde, und die Sonne zwang uns dazu, unsere Pullover auszuziehen, auch wenn wir lieber mehr angehabt hätten. Es wurde niemals dunkel (erst mitten in der Nacht merkten wir, dass es dunkel geworden war).
 
Im Hotel Antequera Golf waren wir außer einem stillen amerikanischen Ehepaar die einzigen Gäste (beim Frühstück taten die Küchenfrauen so, als wären wir viele). Als wir einen Ausflug ins Umland machten, stießen wir zufällig auf diesen Berg mit dem Namen El Indio, der kein gewöhnlicher Berg war, sondern ein liegender Indianerkopf. Mit zusammengekniffenen Augen erkannten wir sein Gesicht (leicht geöffnete Lippen, große, gebogene Nase, geschlossene Augen), das sich wieder auflöste, je näher wir kamen. Zuerst erschienen Falten auf den Wangen, Risse, die zu Klüften wurden. Dann knickte die Nase ein und zerfiel wie trockener Sand, der nur auf den ersten Blick stabil wirkt. Die Lippen verschwanden, die Augen sanken ein, alles verschob sich. Aus nächster Nähe blieb nur kalter, von Millionen Furchen durchzogener Stein. In der Nacht träumte ich von diesem Gesicht, tagsüber erkannte ich es plötzlich überall wieder (in einer Wolke, im Milchschaum auf dem Kaffee, im Schatten eines Olivenbaumes).
 
In Álora schwiegen die Kinder, und die Hunde lagen melancholisch auf den Plätzen und fraßen Müll. Esel wurden von hier nach dort gebracht, sie blieben immer wieder stehen, um den Kopf zu senken, als müssten sie darüber nachdenken, ob es Sinn machte (das Laufen und alles). Wir stiegen auf einen Hügel und betrachteten die Stadt von oben: weiße Häuser, Liegestühle, Wäsche, Orangenbäume, leere Plätze, Staub. Geräusche: ein einsamer Motorroller, das Selbstgespräch eines Papageis, eine Säge, ein verirrtes Bellen, Hall (unruhige Stille). Ganz oben auf dem Hügel stand ein blauer Nestlé-Wagen wie ein Ding aus einer anderen Zeit. Eine fette junge Frau stand hinter dem Tresen, die Hände auf das Holz gestemmt, gebückt, wie eingeklemmt in ihrem Gefährt. Ich überlegte, ob wir Eis kaufen sollten, das wir kannten (oder wenigstens Schokolade). Dann gingen wir doch einfach weiter.
 
Auf dem Weg nach Ronda gerieten wir in einen Stau (ich wunderte mich, dass es so viele Wagen gab). Die Straße glänzte in der Sonne. Niemand stieg aus. Niemand schimpfte. Niemand pinkelte an den Rand. Als es weiterging, entdeckten wir in der Ferne eine Zusammenballung. Je näher wir kamen, umso klarer teilte sich der Farbhaufen in zwei zerbeulte Autos, einen Wagen der Guardia Civil und die Silhouetten gelassen rauchender Männer. Aus der Nähe erkannte ich das Blut auf der Straße, es war noch nicht ganz eingetrocknet. Als wir langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren, sah ich die offene Heckklappe des Krankenwagens. Die Bahre war leer. Auf dem Boden lag eine schwarze Decke. Hundert Meter weiter leuchtete am Seitenstreifen eine lederne Handtasche.
 
Als wir die Stadt (das Hotel, das Hotelzimmer) erreicht hatten, schlugen wir die Tür hinter uns zu, warfen unsere Sachen ab und fielen übereinander her. Erst eine Stunde später war der Sturm vorbei. Blutest du?, fragtest du laut, als wir auseinandergerollt waren, jeder auf seine Seite. Kann sein, sagte ich. Als wir später an der Tür standen (angezogen, aufgeräumt), als ich sagte: Weißt du, Nils, wir schlafen miteinander, um nicht reden zu müssen, tatest du so, als hättest du mich nicht gehört, und fingst an zu pfeifen.
 
Ronda war die Stadt mit dem Riss in der Mitte, Ronda war die Stadt der Räuber (die Stadt, die Hemingway für die Hochzeitsreise empfahl). Ronda war die Stadt, in der der Wind wieder stärker wurde. Wir taten so, als wären wir Touristen, wir besichtigten die Plaza de Toros, den Alameda del Tajo, die Altstadt, die Bandoleros-Museen, die Schlucht (wir aßen sogar Eis), aber aus der Nähe waren wir unglaubwürdig: Wir machten keine Fotos, nur dieses eine. Machen wir ein Foto vor dem Abgrund, sagte ich, und als mir auffiel, was ich gesagt hatte, lachte ich, bis mir schwarz vor Augen war.
 
Zwischentage (weiße Tage). Da war Sevilla mit ihrer Kathedrale, mit ihrem Fluss mit dem seltsamen Namen Río Guadalquivir, mit ihrer Flamingo-Bar und der Unmöglichkeit, an Weihnachten zu denken (Silvester, ein neues Jahr). Da war Chiclana de la Frontera, eine verwaiste Feriensiedlung, die aussah wie überstürzt verlassen, andere Feriensiedlungen, halb aufgebaut (oder vielleicht halb abgerissen), Frisöre, Ärzte, Restaurants, Hipermercados, Golfplätze im Nirgendwo. Einsamkeit am Strand, ein viertelstündiger Weg vom Eingangstor bis zu unserem Apartment (Nummer 799). Da war die Costa de la Luz, da war Tarifa, die von Mauern umschlossene Stadt, die Stadt, in der sich der Wind verfing wie in einem im Garten aufgespannten Bettlaken, die Stadt, in der die Surfer früh aufstanden (die einen, egal, wohin man ging, immer wieder zur Plaza de Oviedo zurückführte).
 
Im Café Central sah ich deine Müdigkeit, und ich sah meine Müdigkeit in deiner Müdigkeit, ich sagte: Wir schlafen zu viel miteinander. Wir reden zu wenig. Du kniffst die Augen zusammen und sagtest: Gut, was willst du mir sagen? Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Ich zog an der Zigarette. (Ich merkte, wie meine Finger langsam betrunken wurden.) Zum Beispiel, sagte ich, dass du früher nicht aus dem Bad gegangen bist, wenn ich pinkeln musste. Zum Beispiel, dass du früher in den Hotelzimmern noch die Bilder abgehängt hast, die ich nicht leiden konnte. Zum Beispiel, dass ich, als wir den Medizinschrank gekauft hatten, dachte: Jetzt kann nichts mehr passieren, jetzt haben wir einen Medizinschrank, jetzt bereiten wir uns auf Notfälle vor. Zum Beispiel, dass ich vor ein paar Wochen ein Lied gehört habe, irgendein Lied mit irgendeinem Text, und als es vorbei war, dachte ich: Das ist doch alles die gleiche Scheiße. Ich dachte: Wie erbärmlich das ist, aneinander zu arbeiten und so zu tun, als müsste man das nicht. Du hattest dir inzwischen auch eine Zigarette angesteckt (ich drückte meine aus). Du sahst einer Gruppe Polizisten dabei zu, wie sie sorgfältig einen Strafzettel unter den Scheibenwischer eines Autos schoben. Aha, sagtest du.
 
Am letzten Tag kehrten wir nach Málaga zurück (als hätten wir uns nur kurz verirrt). Im Osten lag Pedregalejo, dieses Häufchen Strand und Häuser. Lange Straßen, eine leere Villa aus Holz, ein schöner Name: Villa Antigua. Dattelpalmen, eine Außentreppe, ein Hotelzimmer (wieder ein Hotelzimmer). Der Mann an der Rezeption lächelte und sagte auf Deutsch: Es wird einen Wetterwechsel geben. Ich bedankte mich und zählte im Kopf, wie oft jemand in den letzten Tagen mit uns gesprochen hatte (nicht oft). Wir hatten auch keine Weihnachtslieder gehört, und nun, am letzten Tag des Jahres, hörte der Gast im Nebenzimmer eine spanische Version von Stille Nacht, Heilige Nacht. Ich war traurig. Der Urlaub war vorbei (es hätte ein Urlaub werden sollen, oder war es ein Urlaub gewesen?).
 
Wir hatten uns vorgenommen, es knallen zu lassen. Wir lassen es knallen, hattest du gesagt. Aber im Kaufhaus war niemand, der Chinaböller und Raketen suchte. Familien kauften Partyhütchen und Luftschlangen. Runde Spanierinnen mit strengen Zöpfen bildeten eine Schlange vor der Fleischtheke, um ganze Ferkel zu kaufen, die blass hinter dem Glas lagen, zu Bergen gestapelt (irgendwie friedlich). Selbst in der Süßwarenabteilung roch es nach Fleisch, das schon lange tot ist, überall hingen uns diese riesigen Schinken im Weg (wie Mahnungen). Was machen wir jetzt?, fragte ich, und du sagtest: Sekt kommt gar nicht in Frage. Also kauften wir Gin, braunen Rum und eingeschweißte Churros con Chocolate, und als wir mit unseren Tüten vor dem Bauch aus dem Kaufhaus traten, mussten wir plötzlich die Augen zusammenkneifen.
 
Draußen war der Himmel vom Himmel gefallen. Die Luft war schwarz und roch nach Regen, die Bäume tuschelten, die Kakteen kauerten sich zusammen, die Menschen flohen gebückt. Wir rannten zum Wagen und fuhren zurück zum Hotel, aber wir waren nass geworden (und euphorisch). Wir setzten uns auf die Einzelbetten, sahen uns durchs unbeleuchtete Zimmer hinweg an und lachten. Der Sturm lehnte sich gegen unser Fenster. Später weinte ich, und du gingst rauchend zwischen den Betten auf und ab (als hättest du irgendwo gesehen, dass man das in diesem Fall so machte). Ich nahm den Schokoriegel von meinem Kopfkissen und würgte ihn im Ganzen herunter, ohne zu kauen. Du sahst mir dabei zu, und dann sagtest du auf einmal: Das hast du nur gemacht, um mich zu beeindrucken. Dabei legtest du den Kopf schief, wie du es ganz am Anfang manchmal getan hattest (als ich noch undurchsichtig für dich war). Kann sein, sagte ich. Und, fragte ich, hast du die Antwort? Sind wir noch zu retten? Da fingst du plötzlich an, dich auszuziehen. Du nahmst dir Zeit dafür, du legtest die Sachen sogar ordentlich auf einen Haufen, was du sonst nie machtest, wie um mir zu zeigen, dass du auch ganz anders sein könntest (wenn du wolltest). Aber ich blieb angezogen, und als du zu mir herüberkamst, um alles mit deinem Körper zuzudecken, sagte ich: Es ist immer traurig, wenn Dinge zu Ende gehen. Du hattest verstanden und setztest dich neben mich aufs Bett (wir warteten, bis dein Schwanz wieder klein geworden war). Ich zuckte zusammen, als du mir eine Hand auf die Schulter legtest. Ich wollte, dass es ein schönes Ende wird, sagtest du. Ja, sagte ich, und: Der, der nach dir kommt, wird es schwer haben. Es wird lange dauern, bis die Dinge die Bedeutung verlieren, die wir ihnen gegeben haben. Du lachtest über diesen Satz (du lachtest über mich). Aber jetzt, sagtest du, jetzt lassen wir es knallen.
 
Um elf Uhr machten wir uns auf den Weg. Wir waren betrunken bis in die hintersten Winkel unserer Körper (Gin und brauner Rum), und der Wind war lauter geworden. Wir mussten uns gegenseitig festhalten, um nicht auf die Straße geworfen zu werden, und es fiel Regen, diese Art Regen, der von allen Seiten kommt (ein Schirm hätte uns nichts genützt). Außer uns war niemand unterwegs, nur die Plakate an den Haltestellen waren lebendig geworden. Wir nahmen die Straße in Richtung Strand, dort musste es Bars geben. Wir sangen Stille Nacht,Heilige Nacht, aber wir hatten den Text vergessen, also sangen wir immer nur bis alles schläft, einsam wacht, und dann wieder von vorn. Einmal sagtest du: Die meiste Zeit mit dir war eine schöne Zeit. Einmal sagte ich: Ich werde versuchen, noch vor dem Sommer bei dir auszuziehen, das ist doch ein Vorsatz. Einmal übergab ich mich in einen Kakteenstrauch.
 
Es war schon nach Mitternacht, als wir eine Bar fanden. Sie war leer, bis auf drei Männer am Tresen. Sie erhitzten Blei über einem Campingkocher (sie trugen Partymützen), sie fragten uns, wer wir seien, und wir sagten: Wir haben uns gerade getrennt. Das fanden sie lustig, sie luden uns ein, mitzumachen. Wir setzten uns zu ihnen und bestellten Gin. Wir gossen das flüssige Blei in ein Glas kaltes Wasser, dann hielten wir den erkalteten Klumpen gegen eine Kerze und sahen uns den Schatten an der Wand an. Einer der Männer sagte etwas auf Spanisch. Der andere übersetzte: Es ist ein Geweih. Und was bedeutet das?, fragte ich. Ich weiß nicht, sagte der andere, wir haben den Zettel mit der Auflösung verlegt. Der Sturm draußen wurde stärker. Einmal flog die Tür auf, und es wehte eine zerdrückte Coladose herein. Die Musik wurde lauter gedreht (die Musik ging uns direkt ins Blut). Als es über dem Meer zu dämmern begann, fragte der eine Mann etwas auf Spanisch. Der andere, ein Tourist, übersetzte. Er fragt, was ihr euch gewünscht habt. Gewünscht?, fragte ich zurück. Der Spanier sagte: Las Uvas de la Suerte. Die Trauben des Glücks. Habt ihr keine gegessen? Du sahst mich an. Ich sah den Spanier an. Der Spanier schüttelte den Kopf. Ihr werdet Unglück haben, sagte der Andere.
 
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