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In den Farben der Nacht - DuMont 2005

Wir stehen manchmal am Rand und drehen uns um wir gucken manchmal, ob der Andere noch da ist

Im Fernsehen passiert so viel, eigentlich ist es Zeitverschwendung, nicht fernzusehen, sagt Robert. Wir trinken Smirnoff Ice, aber das macht uns nicht betrunken, diese 6% Wodka, das ist ja schon fast albern, sagt er. Seit heute habe ich keinen Job mehr, und wir schauen amerikanische Filme an, wir lachen an unterschiedlichen Stellen. Ich lasse den Blick pendeln zwischen dem Breitschultrigen auf dem Bildschirm und Robert, der sich unablässig nachgießt. Ich habe eigentlich gern Preisschilder auf Milchtüten geklebt, sage ich, und er: Ich habe eigentlich gern tiefgekühlte faulbraune Fleischfladen gegrillt. In unserem Zimmer ist die Nacht nur wie ein breitgezogener Streifen angeklebt an die vier Wände, in den Ecken knittrig und feucht wie neue Tapete.

Beim Abspann sind wir noch nicht fertig mit Lachen, wir haben ein anderes Zeitgefühl und sind zappelig. Ich sage, dass ich noch waschen gehe, unsere Shirts riechen abgestanden und nach Bier, wir haben ewig nach der richtigen Wäscherei gesucht, die den richtigen Duft hat: Der Geruch ist uns heilig wie nichts sonst.

Im Waschsalon bewegt sich alles, das Summen überträgt sich auf meinen Körper, mit diesem Sirren in den Muskeln sitze ich auf einem der abgewetzten Plastikstühle und lese in einer Geozeitschrift von ’97, auf der vorn draufsteht Warum wir lieben können, warum wir lieben müssen, und ich suche drinnen nach der Antwort, aber ich finde keine, nicht mal zwischen den Zeilen, da steht bloß, dass Männer eine andere Strategie haben als Frauen, dass Männer sich unbewusst gebärfreudige Frauen suchen und dass dieser Trieb zurückreicht bis in die Australopithecus-Epoche, und Frauen suchen nach Männern mit breiten Schultern und einem eckigen Kinn, wegen der autoritären und beschützerischen Ausstrahlung. Dann ein Haufen Zitate und amerikanische Wissenschaftler, die davon reden, dass Mann und Frau zusammenfinden, wenn sie das gleiche wollen, und dass eine Frau, die eine fairy-tale-story will, nicht mit einem Mann, der eine business-story will oder eine mystery-story, zusammenleben kann. Erich Witte aus Hamburg sagt, Liebe sei eine Push- und eine Pullmotivation, und Karl Grammer aus Wien: Es ist ein regelrechter Krieg der Signale. Bilder von Frauen und von Männern und von Säuglingen in Sepia. Ich blättere weiter, zu den Kindern von Kabul, die alle traurig sind oder behindert und zwischen Trümmern herumlaufen, zu den Bildern von Polarlichtern, die auch verschwommene Scheinwerfer sein könnten in einem der Clubs, wo die Farben sich überlappen.

Ich packe die dampfende Wäsche in einen Plastikbeutel und schiebe ihn mir unter den Pullover, dass die feuchte Wärme in den Bauchnabel läuft. Als ich aus der Tür gehe, klirrt draußen die Kälte; die einzigen Lichter hier, wo es keine Laternen gibt, sind die beleuchteten Werbetafeln mit großformatigen Gesichtern, in denen das Lächeln festklemmt. Ein Mann an der Ecke greift nach meinem Bauch, ich schlage ihn ins Gesicht, wir zucken gleichzeitig auseinander. 

Robert sitzt mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl. Ich kenne sonst keinen Mann, der mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl sitzen würde, das ist eine der Sachen, die ich an Robert liebe, wie auch seine Fehler, wenn er redet. Gerade jetzt, als er sagt: Ich habe mich kurz aufs Bett gehaut, aber ich konnte nicht schlafen. Ich setze mich neben ihn und schiebe ihm die warme Tüte unter den karierten Cardigan, seine elektrisierten Haare fliehen vom Kopf und ich fahre mit der Hand darüber. Sein Gesicht changiert im Fernsehgeflimmer, ein Spätfilm wirft Lichtfiguren auf seine Wangen, und ich frage, ob er schlafen will, und sage, dass ich ihn ins Bett bringe. Er trinkt noch aus, die leeren Flaschen flackern am Tischrand, wir schubsen uns durch den Vorhang ins andere Zimmer, wo sich seine Matratze gegen die Wand duckt, ein zerwühltes Laken darauf. Die Decke des Raumes senkt sich, als Robert sich wankend fallen lässt, ich frage, ob ich ihm was vorlesen soll, ja, sagt er, und seine Stimme ist aus Wodkazitronenluft. Ich setze mich so nah, dass ich das Heben seiner Bauchdecke an meiner Hüfte fühle, und dann lese ich Haik und Paul, es ist das erste Buch, das ich gelesen habe, und ich fahre über das Bild auf dem Einband: die blauen Schuhe, das rotgestreifte Shirt, die weiße Bermudas, wie immer lese ich nur den Anfang: "Ich habe mir was eingetreten", sagt sie, "einen Dorn, glaub ich. Könntest du den mal rausziehn?". Der Inselsommer zirpt und summt, blinkt aus dem Boden, flammt im Spalier der Königskerzen – und das Mädchen, wie es dort steht, ist ein kleiner Sommer für sich. Eine dümmliche Müdigkeit breitet sich vom Magen her aus, ich könnte weiter lesen, aber ich weiß, dass alles, was folgt, den Anfang schluckt, deshalb bleiben wir dabei und wollen nichts als den Anfang immerzu. Wir sind wie Maden, sage ich, wir fressen uns durch einen Haufen Polysaccharide, und wir stoßen immer wieder auf alte Gänge.

Ich hab das Ende gelesen, sagt er, mein linkes Lid zittert zuerst, es geht etwas kaputt, so etwas wie eine Komplizenschaft, ich finde ihn untreu auf eine bestimmte Art. Ich stehe auf und reibe an meinen Knien, auch wenn da gar kein Dreck ist, im selben Moment bläht sich sein Mund und er sagt: du bist ja bloß feige, und ich stoße mich an der Wand und sage: wer ist hier feige, und er sagt: Man muss Sachen zu Ende bringen, auch wenn man den Schluss schon kennt. Ich klemme den Kopf zwischen meine Knie, als ich mich wieder hingesetzt habe; alles ist plötzlich in Bewegung geraten in mir, in verschiedene Richtungen. Ich zünde eine Zigarette an, die Stille, die entsteht, ist plastisch, ich könnte sie anfassen, wenn ich wollte. Der Rauch findet Nester in uns; ich probiere nicht, Roberts Blick standzuhalten.

Ich kann nicht schlafen, sagt er, ich frage: Woran merkst du, dass du nicht schlafen kannst, und wir lachen beide holprig. Er sagt: Das merke ich daran, dass die Müdigkeit von mir abprallt. Also schleichen wir aus der Wohnung, ziehen die Tür hinter uns zu und wickeln uns in Jacken; es ist windstill.

Meine Uhr ist stehengeblieben. Wir hören das Surren der Schienen lange bevor die Bahn sich uns entgegenschiebt. Auf den harten Sitzen lehnen wir aneinander und kauen Milchbrötchen, und wenn wir nach draußen schauen, entfernt sich alles von uns. Wir können bis an den Rand der Stadt fahren, nicht weiter, und dort bleiben wir stehen und kratzen uns im Nacken und zwirbeln Blätter zwischen den Fingern von Bäumen, deren Namen wir nicht kennen. Wir steigen wieder ein und fahren zurück durch die Hochhäuser, ich merke, dass Robert eingeschlafen ist an meiner Schulter, er atmet mir eine Gänsehaut auf den Nacken.

Gleich hält die Bahn, weiß ich, und einige dieser Jogginghosentypen steigen hier aus, im Stadtviertel der Verlierer. Sie schreien nochmal auf, bevor die Tür sich öffnet, und zeigen Finger, sie werfen den Kopf zurück, aber wir haben zu viel Angst, um es ihnen nachzumachen. Die Bahn fährt an, sie stehen draußen und zerdrücken Bierdosen um sich zu versichern, dass sie noch Kraft haben.

In der Stunde, die Überblende ist, hebe ich Robert aus der Bahn, und seine Leichtigkeit erschreckt mich. Ich gehe ein paar Schritte, trage ihn zur Tür. Ich schleppe den Geknickten ins Haus, trage ihn weiter nach oben, bette ihn drinnen in den Matratzenhalbschatten. Ich löse mich  von ihm und gehe nach draußen, um Ecken, zum Waschsalon, der bald wieder offen hat. Ich bin die erste, und ich bin ohne Wäsche hier, ich setze mich, lese, ich lächele nur, wenn ein anderer zuerst lächelt. Hier steht von Georg Christoph Lichtenberg: Man verteidigt Liebe und verwirft Liebe, und eine Partei versteht dieses und die andere etwas anderes. Dann packe ich das Geomagazin unter meine Jacke, mein eigenes Zitat im Heft würde lauten: Wir lieben uns, solange wir uns nicht kennen, ich schiebe das Heft in den Hosenbund und schlendere weg. Das dickflüssige Dottergelb der ersten Sonne verklebt mir die Augen; ich weiß, ich kann mich selbst entscheiden, ich gehe zur Tankstelle, kaufe mir so einen Schokoladencremelikör. Nichts anderes tun als schlucken. Die ersten Großmütter sind unterwegs in sonst leeren Straßen, sie meckern vor sich hin und tragen leere Beutel zum Konsum, der jetzt Einkaufszentrum heißt.

Die Tür klemmt. Im Flur riecht es nach Roberts Handcreme, einen Moment lang muss ich meine Füße stillhalten und den Schwindel mit den Augenlidern zerdrücken. Im Zimmer liegt Robert, wie ich ihn hingelegt habe, ans Kissen geschmiegt, die Kulisse hat sich geändert mit dem Licht, die Nacht gerinnt. Ich reiße einen Koffer von der Kommode und schaufele Kleider hinein, es kommt mir vor, als gäbe es diese Szene schon einmal auf meinem Erinnerungsband, aber ich lasse mich nicht irritieren. Wenn nichts lockt und nichts hält, denke ich, kann man das Langeweile nennen. Auf seiner Stirn häuft sich staubige Luft an, und weiter denke ich: Langeweile macht erfinderisch, einen Kuss deute ich an und puste ihn vom Handballen.  

Die Treppe lasse ich schnell hinter mir, es ist zu spät um zu zögern. Draußen hockt ein Taxi an der Ecke, und eine alte Frau raucht und hustet. Ein Cockerspaniel springt in einen kohlefarbenen Teppich aus Krähen, was bleibt, sind weiße Kotflecken, die Frau guckt hin und der Taxifahrer auch; was bleibt, ist das eine oder andere Räuspern. Unser Fenster ist das einzige ohne Gardinen. Da stehe ich eine ganze Weile, ich gehe ein paar Schritte, bis meine Fußsohle sticht, ich sehe, dass ich mir eine Reißzwecke eingetreten habe.

Es passiert schnell, dass man einer Sache überdrüssig wird. Ich nehme den Koffer wieder in die Hand und fühle nach der Zeitschrift an der Hüfte, ich drehe mich um, es kracht beim Aufschwingen der Tür. Oben bin ich atemlos, Robert hat eine Jacke an und steht im Türrahmen, er sagt nichts und guckt bloß. Er nimmt mir den Koffer ab, der nach Frischgewaschenem riecht, ich sehe in der Küche noch die Striemen von Dunkelheit wie nach dem Wischen auf Linoleum, auf seinem Tischplatz Haik und Paul, inmitten abgebrannter Streichhölzer.    

Manchmal passiert es, dass wir uns am Morgen wieder fremd sind, dann müssen wir näher zusammenrücken beim Frühstück und uns wiedererkennen am Geruch. Wir sprechen nicht. Ich puste gegen meinen Pony, er zieht die Knie ans Kinn, um uns herum wacht alles auf und knarrt und zuckt und entfaltet sich, und er hört dieses Lied von Keimzeit: Die Platte hat’n Sprung auf deinem Grammophon, und ich kauere so neben ihm und rühre Strudel in den Kaffee, nach diesem Gewitter, glaub mir, ich denke an das Geoheft und daran, dass Robert schmale Schultern hat und ein Kinn wie eine weiche Beule, legen wir uns raus, die Sommersonne lacht uns schon, und jetzt frage ich mich, ob das vielleicht auch ohne Gewitter geht, komm rück ’n Stück näher mein Herz, er spult zum Sicher nicht für immer, sicher nur für jetzt, außerdem frage ich mich, ob es vielleicht nicht nur war-story und pornography-story gibt, sondern auch half-a-story, erwärmt die Sonne uns den Rücken, erwärmt die Sonne uns den Rest.

Klappentext & Pressestimmen - In den Farben der Nacht

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