hoch runter zurück

So, jetzt sind wir alle mal glücklich - DuMont 2009

Siebzehn // Max

 
Die Wut ist wie ein Luftballon in meinem Kopf, der jeden Gedanken gegen die Schädeldecke presst und zerdrückt. Aber ich nehme mich zusammen, schließlich muss ich auch an Lotte denken. Sie steht neben mir und hat ihren Körper hart gemacht. Eben war sie noch versöhnlich und wie Wachs. Aber so ist das mit ihr, sie hat diese unberechenbaren Stimmungen. Da reicht schon ein einziger Satz aus. Jemand sagt etwas, und das trifft sie so tief, dass sie alles infrage stellt. Dann muss ich ihr erzählen, wie wir uns kennen gelernt haben, und ihr versprechen, dass ich sie noch genau so liebe wie am ersten Tag. „Genau so?“, fragt sie dann, und ich sage: „Genau so.“ Damit ist sie für gewöhnlich zufrieden und vergisst die ganze Katastrophe. Sie schaut mich an wie ein vergessliches Kind, das keiner Fliege etwas zuleide tut, und erwartet, dass ich im selben Moment wieder stark bin und mich über sie und ihren Frieden freue. „Aber es ist sinnlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen“, denke ich. „Mit Sandra war es das Gleiche.“
 
„Okay“, sage ich. „Aber nur eine Runde.“
„Das ist doch ein Wort“ sagt Frank und lässt meine Schulter los. Ich habe gar nicht gemerkt, wie fest er mich gepackt hatte. Erst jetzt, als er sie loslässt, fällt mir auf, dass die Schulter weh tut. Franziska klatscht in die Hände. Sie kommt herüber und umarmt mich stürmisch. Auf ihrer Stirn glänzt Schweiß, und ihre Augen sind klein und verknittert. Georg packt mich am Oberarm und rüttelt mich, als müsste er mich aufmuntern. Charlotte beobachtet mich mit finsterem Blick, und wenn Clara nicht schon im Zimmer wäre, würde sie bestimmt die Augen verdrehen.
„Also“, sagt Franziska, „gehen wir runter, ja?“
Sie hat sehr laut gesprochen, als wären wir mehr als nur fünf Leute. Jetzt hält sie uns ungeduldig die Balkontür auf. Georg drängt sich an ihr vorbei und geht ins Zimmer. Frank folgt ihm. Bevor ich hineingehen will, werfe ich noch einen Blick auf den Parkplatz. Als ich mich kurz über das Geländer beuge, sehe ich, wie jemand vor dem Haus saugt. Ich höre das Geräusch nicht, aber ich sehe, wie der Staubsauger metallisch im Dunkeln blitzt. Jemand steht dort, wo wir vor ein paar Stunden das Foto gemacht haben, und saugt. Von hinten sieht er aus wie der Junge in der Bar, aber das ist nicht sicher.
 
„Du wolltest doch nicht wirklich springen, oder?“
Ich drehe mich um. Die anderen sind verschwunden, Lotte auch. Ich kann ihre Schritte auf dem Gang hören. Nur Franziska steht noch in der Balkontür und grinst mir geheimnisvoll zu, ein bisschen so, als wollte sie sagen: „Ich weiß Bescheid. Aber mach dir keine Sorgen, ich kann schweigen wie ein Grab.“ Sie sieht verschwitzt und mitgenommen aus und kommt mir älter vor als noch vor ein paar Stunden, aber vielleicht hat das auch mit der Dunkelheit und der Hitze zu tun. Es ist so schwül, dass man unentwegt schwitzt, und der Schweiß kühlt die Haut, so dass man einen Moment später friert. Franziskas Steckfrisur hat sich fast aufgelöst. Wellige Strähnen kleben in ihrem Nacken und bewegen sich wie Schlangen, wenn sie den Kopf dreht. Ich ekle mich, nicht schlimm, nur so, wie man sich manchmal vor dem Husten alter Leute ekelt oder dem Geruch von faulem Obst, und im gleichen Moment schäme ich mich dafür. Ich denke, dass es ungerecht ist, sich vor jemandem zu ekeln, mit dem man neun Jahre zusammen in der Schule war und von dem man so ziemlich alles weiß, zum Beispiel, wie derjenige aussieht, wenn er zwei Stunden Sportunterricht hinter sich hat, oder wie er isst, oder wie seine Liebesbriefe klingen.
Franziskas Augen glänzen im Dunkeln. Ich überlege, ob sie wohl eine Ahnung davon hat, was ich gerade denke, und ob es sie traurig macht oder verunsichert. Aber dann grinst sie mir zu, irgendwie sexuell, und da kann man schon Angst vor ihr bekommen.
Ich versuche, beiläufig an ihr vorbeizugehen, da verstellt sie mir den Weg. In ihren Augen kann ich sehen, dass sie das eigentlich nicht vorhatte. Es war nur eine fixe Idee, die ihr gekommen sein muss, als sie gesehen hat, dass ich mich fürchte. Aber jetzt bleibt sie so stehen, streckt ihren Busen vor und kichert albern, als halte sie sich für sehr clever und verführerisch.
„Hör mal“, sage ich, „was habt ihr mit Charlotte gemacht?“
Ich versuche, witzig zu klingen, und ich hoffe, dass es sie, in welcher Stimmung sie auch immer ist, aus ihrer Stimmung reißt, wenn ich von Lotte rede. Aber Franziskas Stimme ist noch weicher und vertraulicher, als sie sagt: „Ach, nichts. Deine Kleine hat sich übergeben. Ihr seid beide nicht gerade standhaft, hm? …“
Sie lacht hysterisch. Ihr Lachen ist erst tief, dann immer höher, und als es ganz oben angelangt ist, zerspringt es und fällt in kleinen Teilen herab, wie die Tropfen von einem Springbrunnen, und dann folgt ein kleines Stöhnen. Eine Zeitlang ist es still, dann sagt Franziska plötzlich:
„Schön, dass ihr gekommen seid. Ich freue mich wahnsinnig, dass du da bist.“
Es kommt mir vor, als hätte sie direkt in mein Ohr gesprochen.
„Ich auch“, sage ich schnell. „Ich freue mich auch für euch. Ihr passt so gut zusammen.“
„Ach ja?“
Franziska zieht die Brauen hoch und guckt tadelnd herüber. Sie hat sich an die eine Seite des Türrahmens zurückgezogen, ich an die andere. „Mit einem schnellen Schritt“, denke ich, „wäre ich im Zimmer. Ich könnte einfach durch den Vorraum in den Flur rennen, und alles wäre in Ordnung.“ Ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich vor ein paar Minuten sauer auf Franziska gewesen bin, aber im Moment erscheint mir das unwichtig. Außerdem kommt es mir so vor, als wäre es sehr lange her, dass ich wütend und durcheinander war. Jetzt bin ich wach, vorsichtig und vernünftig. Das fällt mir schon lange auf, dass ich besonders dann wach und vorsichtig und vernünftig bin, wenn die anderen unvernünftig und launisch und unverlässlich sind. Aber vielleicht sind auch die anderen unvernünftig und launisch und unverlässlich, weil ich wach und vorsichtig und vernünftig bin, das kann man nicht mit Sicherheit sagen.
 
„Ich finde, wir passen überhaupt nicht zusammen. Rein optisch zumindest. Ich finde, Georg ist kein sehr schöner Mann.“
Franziska sieht mich neugierig an, so, als habe sie keinen bestimmten Plan, und als solle ich mir gut überlegen, was ich als nächstes tun würde, weil das auf jeden Fall in irgendeine Wertung einginge. Sie ist noch betrunkener, als ich gedacht habe, man sieht es an den Augen, die aussehen, als hätte sie geniest oder geweint. Als sich ihr Mund zu einem Grinsen auseinander zieht, merke ich, dass irgendwas nicht stimmt. Und dann macht sie plötzlich etwas ganz Unmögliches. Sie hebt ihre beiden Brüste aus dem Ausschnitt ihres Kleides, eine nach dem anderen, und dann hängen sie kurz schwer und weiß über ihrem Bauch, bevor sie sie wieder zurück stopft. Ich versuche, normal zu atmen und normal zu gucken. „Auf so etwas sollte man auf keinen Fall reagieren“, denke ich. In meinem Nacken hat sich Schweiß gebildet, aber ich halte still und unterdrücke sogar ein Räuspern. Franziska kichert schon wieder. Ich konzentriere mich auf die Geräusche in der Ferne, das Rauschen der Bäume, ein Knacken, Vögel.   
 
„Ist da jemand müde?“
Ich muss gegähnt haben, obwohl mir das sehr unwahrscheinlich vorkommt, denn mir ist nicht nach Gähnen zumute. Franziska hebt den Zeigefinger, lässt ihn nach links und rechts ticken und schüttelt dazu den Kopf. Es ärgert mich, dass sie sich benimmt, als wäre ich verrückt und nicht sie. Aber noch größer als der Ärger ist mein Bedürfnis, ihr zu sagen, dass sie sich morgen, falls sie sich dann noch erinnern kann, dafür schämen wird, für diese Szene und alles, und besonders dafür, dass sie ihre Brüste gezeigt hat. Sie hebt den Zeigefinger hoch über ihren Kopf und lässt ihn in Schleifen wieder sinken. Dabei geht sie pathetisch auf mich zu, und dann legt sie mir den Finger auf die Nase und kichert doof.
„Rein optisch“, sagt Franziska.
Sie fährt mir mit ihrem Zeigefinger im Gesicht herum, erst über die Lippen, dann über die Wangen und das Kinn. Ich halte sehr still, auch wenn ich weiß, dass das nichts nützt, weil das nie etwas nützt, obwohl einem alle möglichen Leute immer raten, in allen möglichen Situationen still zu halten, zum Beispiel bei Wespen, oder wenn man von einem Wildschwein angegriffen wird. Mir hat es noch nie etwas genützt, mich still zu verhalten, zumindest bei Wespen nicht. Mit Wildschweinen hatte ich bisher nichts zu tun.
Franziska glotzt mir ins Gesicht, stur und unverständig. Offenbar gefällt ihr der Ausdruck in meinen Augen, denn auf einmal lässt sie ihren Zeigefinger über meinen Hals gleiten und bis zum zweitobersten Knopf meines Hemdes, der oberste ist schon offen. Sie macht sich an dem Knopf zu schaffen. Dabei kaut sie auf der Innenseite ihrer Wange herum und verzieht angestrengt das Gesicht. Es ist mir plötzlich ein Rätsel, wie ich Franziska auch nur einmal habe küssen können. Sie muss diese Angewohnheiten ja schon immer gehabt haben.
 
„Scheiße“, flüstert Franziska.
Sie reißt ungeduldig an meinem Hemd herum. Ihr Gesicht ist höchstens zehn Zentimeter von meinem entfernt. Ich kann ihre Haut riechen, und den Alkohol, den sie getrunken hat, dazu den Geruch ihres Schweißes, die Hitze ihrer Wangen und irgendein Parfum. Als sie einmal hochblickt, bleiben ihre Augen eine Sekunde lang so stehen. Dann gibt sie etwas wie ein Seufzen von sich und nimmt ihre Hände von meiner Brust. Ihr Kinn kräuselt sich, das Gesicht verzieht sich zu den Seiten und nach unten, und sie wendet sich ab. Ihr Kopf verschwindet im Dunkeln. Ich kann nur noch Franziskas runden Rücken sehen, der in der Nacht leuchtet. Er sieht ein bisschen aus wie eine in Goldfolie gewickelte Praline.
Ich räuspere mich und fasse nach dem Knopf an meinem Hemd. Es ist leicht, ihn zu öffnen, und ich mache ihn wieder zu. Franziskas Rücken bewegt sich auf und ab. Ihre Schultern beben, ihr Hals bebt, sogar ihr Po zittert. Es ist so still, dass ich den Staubsauger vom Erdgeschoss hören kann. Ganz leise, wie eine Täuschung. Wie das Geräusch, das ich manchmal im Ohr habe, vor allem abends und wenn ich den Kopf in einem bestimmten Winkel zur Seite drehe. Ich habe Mitleid mit Franziska. Es kommt mir sogar so vor, als würde ich sie plötzlich wieder mögen. Es ist mir irgendwie angenehm, wenn sie weint. Ich atme ein paar Mal tief ein und aus.
 
Als ich im Begriff bin, Franziska eine Hand auf die Schulter zu legen, merke ich, wie mein Pimmel wächst. Ich ziehe die Hand zurück. „Das ist Franziska“, denke ich, „die gleiche Franziska wie vor zehn Minuten.“ Ich merke, wie ich rot werde, aber mein Pimmel wächst weiter. Und dann kommt es mir so vor, als wäre es nicht Franziska, die mich erregt, sondern alles andere. Zum Beispiel, dass es Nacht ist. Dass wir allein hier stehen, dass es heiß ist und tropisch, dass sie sich abgewendet hat und dass sie weint. Sogar das Geräusch des Staubsaugers erregt mich. Ich stelle mir vor, wie ich Franziska einen Träger über die Schulter schiebe. Und dann, wie ich den zweiten abstreife, und wie ihr Kleid geräuschlos herunterfällt und einen Kranz um ihre Füße bildet. Mehr brauche ich mir gar nicht vorzustellen. Ich bin sehr erregt. Aber es ist keine angenehme Erregung. Vielmehr ist es ein zwanghaftes, anstrengendes Wollen, in etwa so, wie man sich fühlt, kurz bevor man beschließt, es sich selbst zu machen. „Ich könnte ihr jetzt den Kopf einschlagen“, denke ich, „wenn sie nicht mitmacht.“ Natürlich könnte ich das nicht, aber ich kann es mir wenigstens vorstellen. Mein Atem geht schnell. Ich frage mich, was mit mir los ist. Ich versuche, mich an etwas Neutrales zu erinnern. Mir fallen Szenen mit Sandra ein. Am Ende der Beziehung hat sie sich wochenlang verweigert, manchmal sogar einen Monat. Wenn ich dann endlich mit ihr schlafen durfte, zog sie sich sofort danach an. Sie rollte ihre Strümpfe hoch, fixierte mich und sagte: „Du bist wie ein Schwein, das über einen Futtertrog herfällt.“
 
Franziska dreht sich um und grinst. Sie sieht auf eine aggressive Art frisch aus und beobachtet mich feindselig. Ihr arroganter Mund zuckt.
„Nimm deine Finger weg“, sagt sie nachträglich. Dann hebt sie die Arme und betastet ihre Steckfrisur. Sie drückt mit leichten Bewegungen daran herum, aber das nützt nichts, denn die Hälfte ihrer Haare hat sich bereits gelöst.
„Ich hätte dich auch haben können“, sagt sie kalt. „Ich hätte euch alle haben können, vergiss das nicht. Es war meine Entscheidung.“
Ich habe keine Ahnung, was Franziska meint. Ich nicke und versuche, meine Schultern lockerzulassen. Ich habe Nackenschmerzen wie nach einer Nacht auf der Luftmatratze. Mein Verlangen schrumpft zusammen wie ein aufgestochener Ball, und ich bin wütend, nicht wie vorhin, sondern wütend und müde. Außerdem kommen mir Gedanken, über Franziska im Besonderen und Frauen im Allgemeinen. „Wie schaffen sie es“, denke ich, „einen in tausend unterschiedliche Gefühle zu stürzen und dabei so gleichgültig anzuschauen?“ Sandra war auch so. Sie konnte nach einem Streit ganz plötzlich lachen und sich ein Brot schmieren oder ein Buch lesen. Es ist mir schon oft aufgefallen, dass Frauen zu Berechnung neigen. Ich muss daran denken, was Frank uns vorhin erzählt hat, über Clara und ihre Meinung zu Männern und Frauen, nämlich, dass sie schon aus biologischen Gründen nicht zusammenpassen. Ich weiß zwar nicht genau, was sie mit biologischen Gründen meint, aber auch ich entdecke eine Menge Unterschiede. Zum Beispiel kommt es mir so vor, als würden Frauen sich unheimlich schnell miteinander befreunden. Sandra war jedenfalls immer sehr schnell, wenn es darum ging, sich eine Meinung über jemanden zu bilden. „Ob man jemanden mag oder nicht, ist keine Frage von Zeit“, hat sie gesagt. Sie hatte überhaupt jede Menge Freundinnen. Ich konnte sie bis zum Ende nie ganz auseinander halten. Ich glaube, Sandra hat es mir übel genommen, dass ich ihre Namen nicht beherrschte. „Die, die du beim Yoga kennen gelernt hast“, habe ich stattdessen gesagt, „die, die lacht wie ein Pferd“. Bei Männern funktioniert das anders. Männer finden einander höchstens sympathisch. Das hat Sandra auch nie verstanden. „Wie kann dir das so egal sein“, hat sie immer gesagt, „wenn einer von deinen Freunden sich jahrelang nicht meldet?“ „Es sind keine Freunde“, habe ich ihr versucht zu erklären, „es sind Gefährten.“ „Ach hör mir auf mit deinem Westerngerede“, hat sie gesagt und das Gesicht verzogen. „Die Wahrheit ist, du bist einfach kalt.“
   
„Also was?“, fragt Franziska. „Gehen wir jetzt runter oder wollen wir ewig hier rumstehen?“
Sie zieht die Brauen hoch und tut so, als würde sie Kaugummi kauen. Dann öffnet sie die Tür und stöckelt in die Suite. Sie bewegt ihre Schultern beim Gehen, und manchmal schnaubt sie kurz, als hätte jemand etwas Lächerliches gesagt. Ich folge ihr und beobachte ihren Rücken, den ich jetzt ziemlich breit und männlich finde, obwohl er zumindest hübsch geschwungen ist. Wie ich so hinter ihr her gehe, kommt mir plötzlich alles idiotisch vor. „Dieser ganze Abend ist eine einzige Tortur“, denke ich. Aber es macht mich ruhig, ihn im Zusammenhang mit anderen Tagen zu sehen, gestern und morgen zum Beispiel. Morgen werden wir die Hochzeit hinter uns bringen, und dann fängt das normale Leben wieder an: Arbeitstage, Abende vor dem Fernseher, Wochenenden. Meine verrückten Gedanken von vorhin sind sehr weit weg. „Man sollte einfach nicht kiffen, wenn man es nicht mehr gewöhnt ist“, denke ich.
 
Wir treten aus dem Vorraum auf den Gang mit seinen Spiegeln und Engelsfiguren. Hier ist das Licht hell. Franziska schließt das Zimmer ab, und wir laufen hintereinander in Richtung Treppe, als uns plötzlich einer dieser Hotelangestellten überholt. Er geht rasch an uns vorbei, und Franziskas Kleid bewegt sich im Luftzug.
„He“, sagt sie noch, „warten Sie!“, aber der Junge verschwindet um die Ecke und huscht vor uns die Treppe hinunter. „Man sollte niemals in so großen Häusern heiraten“, denke ich. „Man weiß nie, wer sich da überall herumtreibt.“
Wir erreichen die Treppe und steigen in einigem Abstand voneinander die Stufen hinab. Franziska hält sich am Geländer fest, ich laufe in der Mitte. Als wir vier Absätze später den ersten Stock erreichen, bleibt Franziska ganz plötzlich stehen. Ich halte ebenfalls an und beobachte, wie sich die Muskeln über ihren Schulterblättern anspannen. Dann höre ich es auch. Es ist nicht deutlich, und es könnte auch nur lauter Atem sein von jemandem, der träumt. Aber dann teilt es sich in voneinander getrennte Seufzer, die zu einem Hecheln werden, das unterdrückt klingt, beschämt und verhindert. Alle paar Sekunden kommt das helle Fiepen einer zweiten Stimme dazu, wird zögerlich lauter und irgendwie flehend, dann verschwindet es wieder. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Aber wir müssen schon eine ganze Weile still stehen, die Köpfe halb zur Seite geneigt, als ich Scham in mir aufsteigen fühle. Ich renne an Franziska vorbei und nehme drei Stufen auf einmal. Franziskas Absätze klappern hinter mir. Als ich endlich das Erdgeschoss erreicht habe, folge ich dem Pfeil mit der Aufschrift „Bowling“. Der Informationstresen ist verwaist, aber hell beleuchtet, und kurz flammt in mir der Wunsch auf, die Klingel zu betätigen, aber ich gehe weiter. Als ich mich umdrehe, schiebt sich der Kopf eines jungen Mannes über den Tisch. Er hatte wohl am Boden gehockt und etwas gesucht. „Ist das der, der eben an uns vorbei gerannt ist?“, denke ich. Er setzt sich gerade hin, streicht das weiße Hemd unter seinem schwarzen Anzug glatt und nickt mir geschäftig zu. Dann zeigt er in die Richtung, wo die Bowlingbahn sein muss, und lächelt irgendwie schief. Ich gehe hastig weiter, immer den Gang entlang. Als ich einmal zufällig zur Seite und in einen der Spiegel sehe, erschrecke ich und ziehe mein Hemd gerade. Im selben Moment geht eine große, schallgedämpfte Tür am Ende des Ganges auf, und Frank steht im Rahmen und mustert mich.
„Na, Cowboy? Wo bleibt ihr denn? Kleines Techtelmechtel gehabt, bevor’s ernst wird, was?“
Er grinst mir zu, hält die Tür auf und wartet, bis ich bei ihm bin. 
 
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